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Träumer sein & bleiben – wie ich Maler wurde

Jannes Heidemann, Sie sind ein aufstrebender, junger deutscher Maler. Wann haben Sie beschlossen, Künstler zu werden?“ – Darauf nehme ich blinzelnd einen Schluck Tee, um die Antwort hinauszuzögern. Denn ich fürchte, sie wird meinem Gesprächspartner nicht gefallen.

Sonnenstrahlen tanzen auf der Tischfläche zwischen uns. Währendessen mein Gegenüber ungeduldig zu mir herüber späht, beobachte ich das Wechselspiel aus Licht und Schatten. Das ist es. Darum bin ich Künstler. Ich habe nicht beschlossen, es zu werden. Es passiert einfach.

Ich blicke aus dem Fenster und verliebe mich in die warmen, lebensbejahenden Farben des Spätsommerabends. Studiere die Kontraste. Zeichne in Gedanken die Gesichtskontur der Frau nach, die dort drüben auf einer Parkbank sitzt. Atme die Atmosphäre in mich ein, um mich von ihr durchdringen und inspirieren zu lassen. Das Licht ist ausgesucht und schön. „Aufstrebender junger deutscher Maler“ – Ich spüre den Nachgeschmack der Worte. Ja, so was in der Art bin ich vielleicht. Aber der Weg dorthin glich eher einer Flucht.

Woher kommt die Leidenschaft?

Meiner Erfahrung nach, muss ein Künstler mehr als jeder andere bereit sein, Leid in Kauf zu nehmen. Konstruktives Leid: Leidenschaft. Ohne sie bleibt die Farbe auf Leinwand leblos.

Ohne Leidenschaft entsteht keine Kunst.

Heute fällt es mir leichter, meine „Besonderheit“ anzunehmen. In meiner Kindheit habe ich sie allerdings oft verwünscht. Ich war zu langsam, zu verträumt, zu still, zu sensibel, zu was-weiß-ich, jedenfalls niemals gut genug.

Während die anderen Kinder draußen spielten und Freundschaften fürs Leben knüpften, saß ich am Küchentisch und erledigte mit dampfendem Kopf die Hausaufgaben, die ich in der Woche davor nicht geschafft hatte. Die Schulzeit war für mich eine Qual. Damals landete ich auf der Hauptschule – doch inzwischen steht mir die Wahl offen, was ich studieren will. Es war ein zäher innerer Kampf, aber ich habe ihn gewonnen. Das ist mein persönlicher Meilenstein und die Erfüllung eines Kindheitstraums. Endlich bin ich nicht mehr nur der „Autodidakt“ – ich studiere, weil ich gut und geduldig genug bin.

Meine engste Verbündete seit meiner Kindheit ist die Kunst. Der kleine Junge, der ich war, flüchtete sich in das Malen und Zeichnen. Da konnte keiner mir mehr vorwerfen, etwas falsch zu machen, denn Kunstgeschmack ist Ansichtssache. Gefällt oder gefällt nicht. Als Kind machte ich mir keine Gedanken über Schönheit, ich malte einfach darauf los, bis es nur noch mich und meine Emotionen gab.

Es ist nicht einfach, sich selbst so direkt und ungefiltert zu begegnen, denn man kommt nicht nur seinem kreativen Potenzial, sondern auch seinen tiefsten, verborgensten Schmerzen sehr nahe. Dennoch bin ich dankbar für diesen Prozess, der mich jedes Mal aufs Neue ein Stückchen weiter zu mir selbst führt.

Was es bedeutet, Glück zu haben

Ja, ich hatte großes Glück. In meinem Leben habe ich meistens die richtigen Menschen am richtigen Ort und zur passenden Zeit getroffen. Allein wäre ich wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, mich als Künstler zu bezeichnen.

Ich wollte nie etwas verkaufen. Jedes einzelne Bild ist ein Stück meines eigenen Weges. Die Gefühle, die jedem Werk innewohnen und die es zu dem machen, was es ist, wollte ich lange Zeit nicht preisgeben. Als mich jemand darum bat, eines meiner Bilder erwerben zu dürfen, kam das „Nein!“ wie aus einer Automatikpistole. Es war, als hätte man mich gefragt, ob ich meine Mutter verkaufen wolle. Hallo?!

Aber im Nachhinein brachte mich diese Frage doch zum Nachdenken.

Jemand findet meine Arbeit gut und möchte sie in seine Umgebung, in sein Leben integrieren. Wieso sollte ich alles für mich behalten? Die vielen Stunden Fühlen, Denken und Arbeiten verschwinden sonst am Ende schweigend und nutzlos in einer Maler Mappe. Warum also sollte ich jemandem, der damit in Resonanz geht, nicht eines meiner Bilder überlassen?

Darum ließ ich mich schließlich doch überreden. Obwohl es mir vollkommen surreal vorkam, dass jemand meiner Kunst mit so viel Wertschätzung begegnete, fühlte es sich verdammt gut an. Bald kamen weitere Anfragen und das Angebot für meine erste Ausstellung. Jetzt kann ich nicht mehr abstreiten, dass ich ein junger Künstler bin, schätze ich.

Inzwischen ist das Malen für mich das reinste Brennen. Ich habe Energie, Motivation und ich werde dabei nicht müde. Jedes Projekt ist ein wunderbarer, unendlicher Moment. Die Ideen kommen von selbst, ich kann gar nicht anders, als zu malen.

„Wann haben Sie beschlossen, Künstler zu werden?“.

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